Vor drei Jahren trat Tocotronic im Centraltheater in Leipzig auf. Das auskaufende Publikum fand sich eingequetscht zwischen roten Samtlehnen. Als der Vorhang fiel, stand auf der Bühnenrückwand in leuchtenden Lettern das Wort KAPITULATION. Die hühnerbrüstigen Burschen gaben ihr Konzert als wäre die Bühne nur irgendeine und als würde nicht dieses Wort über ihren nickenden Köpfen schweben. Ich fand es dreist. Vier hühnerbrüstige Burschen benutzen die Stärke eines solchen Wortes, um sich selbst aufzuschicken. Mit dem Theater machten sie es ähnlich. Dabei hätte man aus dem Raum eine Menge machen können. Wären sie eine echte Rockband, dann hätten sie vielleicht den Vorhang angezündet. Oder angepisst.
Aber wahrscheinlich ging ich von falschen Voraussetzungen aus. Tocotronic ist keine Rockband, selbst wenn sie feurerbrünstig leuchtend Kapitulation über ihre Köpfe schreibt und ihre Platte so nennt. Auch wenn sie auf Gitarren schrammelnd aus vollem Hals „Aber hier leben, Nein danke!“ singen. Käme darin noch irgendwo Deutschland vor, müssten sie sich wahrscheinlich vor dem Verfassungsschutz in Acht nehmen. Wobei, heutzutage ja nicht mehr. Insofern war es eben purer Pop: Aneignung durch Sinnentleerung zum Zwecke der Coolness. Nicht mein Geschmack jedenfalls. Das Konzert, die Burschen, die Bühne.
Wellen schlagen
Aber Kapitulation ist ein so schönes Wort. Klangvoll. Es enthält außer E alle Vokale des deutschen Alphabets. Und das in einer Reihenfolge, die im Klang Wellen schlägt. Man kann gar nicht anders als jeden Buchstaben einzeln auszusprechen. Wellen schlagen – das schaffte Tocotronic nicht an diesem Abend. Auch nicht als sie das Publikum nach einer Weile schüchtern bittend zuriefen „Ihr dürft auch aufstehen“. Es standen zwar alle gehorchend auf, der Funke sprang jedoch nicht über. Vielleicht hätten sie doch den Vorhang anzünden sollen. Wer gehorcht, kapituliert nicht.
Kapitulation hat mit Krieg zu tun. Kapitulation folgt auf Kampf. Es ist wie verlieren, nur vorher. Man legt die Waffen vor sich hin.
Und es gibt die Kapitulation des täglichen Lebens. Das ist, wie etwas loslassen müssen, das man über lange Zeit ganz nah bei sich getragen hat. Es tropft langsam aus Einem heraus, wie das letzte Wasser aus einem gesprungenen Krug. Kapitulation folgt auf eine Erkenntnis. Die Erkenntnis des Scheiterns. Doch Kapitulation ist auch entschieden. Man steht vor ihr, wie vor einer großen Mauer. Dann nimmt man das, was man nah bei sich getragen hat, legt es sacht vor sich hin, dreht sich um und geht. Wenn man es schafft, nicht zurück zu blicken, dann ist Kapitulation auch Befreiung. Die sieglose eines lange gekämpften Kampfes.
Kapitulieren hilft manchmal. Im Alltag. Hier findet Tocotronic die richtigen Worte, darin sind sie gut. Mit vordergründiger Poesie bewegen sie kindliche Seelen, die meinen, den Weltschmerz zu spüren. Aus voller Seele singen sie mit: Wenn Du denkst, "Fuck it all, wie soll es weitergehen?": Kapitulation ohohoh“.
Solche Worte bewegen diejenigen, die im entleerten Singsang der luxuriösen Alltäglichkeit nach etwas suchen, dass Bedeutung schafft, ohne Verantwortung zu implizieren. Wer aber alltäglich um das Überleben kämpft, darf nicht kapitulieren. Nie. Und wenn der Kampf vorübergehend innen bleibt. Manchmal ist es gut, sich die Bedeutung von Worten wieder in Erinnerung zu rufen. Und manchmal ist es gut, zu kämpfen. Ohoh.
