22.01.2012

Über K A P I T U L A T I O N

 
Vor drei Jahren trat Tocotronic im Centraltheater in Leipzig auf. Das auskaufende Publikum fand sich eingequetscht zwischen roten Samtlehnen. Als der Vorhang fiel, stand auf der Bühnenrückwand in leuchtenden Lettern das Wort KAPITULATION. Die hühnerbrüstigen Burschen gaben ihr Konzert als wäre die Bühne nur irgendeine und als würde nicht dieses Wort über ihren nickenden Köpfen schweben. Ich fand es dreist. Vier hühnerbrüstige Burschen benutzen die Stärke eines solchen Wortes, um sich selbst aufzuschicken. Mit dem Theater machten sie es ähnlich. Dabei hätte man aus dem Raum eine Menge machen können. Wären sie eine echte Rockband, dann hätten sie vielleicht den Vorhang angezündet. Oder angepisst. 

Aber wahrscheinlich ging ich von falschen Voraussetzungen aus. Tocotronic ist keine Rockband, selbst wenn sie feurerbrünstig leuchtend Kapitulation über ihre Köpfe schreibt und ihre Platte so nennt. Auch wenn sie auf Gitarren schrammelnd aus vollem Hals „Aber hier leben, Nein danke!“ singen. Käme darin noch irgendwo Deutschland vor, müssten sie sich wahrscheinlich vor dem Verfassungsschutz in Acht nehmen. Wobei, heutzutage ja nicht mehr. Insofern war es eben purer Pop: Aneignung durch Sinnentleerung zum Zwecke der Coolness. Nicht mein Geschmack jedenfalls. Das Konzert, die Burschen, die Bühne.

Wellen schlagen

Aber Kapitulation ist ein so schönes Wort. Klangvoll. Es enthält außer E alle Vokale des deutschen Alphabets. Und das in einer Reihenfolge, die im Klang Wellen schlägt. Man kann gar nicht anders als jeden Buchstaben einzeln auszusprechen. Wellen schlagen – das schaffte Tocotronic nicht an diesem Abend. Auch nicht als sie das Publikum nach einer Weile schüchtern bittend zuriefen „Ihr dürft auch aufstehen“. Es standen zwar alle gehorchend auf, der Funke sprang jedoch nicht über. Vielleicht hätten sie doch den Vorhang anzünden sollen. Wer gehorcht, kapituliert nicht.

Kapitulation hat mit Krieg zu tun. Kapitulation folgt auf Kampf. Es ist wie verlieren, nur vorher. Man legt die Waffen vor sich hin.

Und es gibt die Kapitulation des täglichen Lebens. Das ist, wie etwas loslassen müssen, das man über lange Zeit ganz nah bei sich getragen hat. Es tropft langsam aus Einem heraus, wie das letzte Wasser aus einem gesprungenen Krug. Kapitulation folgt auf eine Erkenntnis. Die Erkenntnis des Scheiterns. Doch Kapitulation ist auch entschieden. Man steht vor ihr, wie vor einer großen Mauer. Dann nimmt man das, was man nah bei sich getragen hat, legt es sacht vor sich hin, dreht sich um und geht. Wenn man es schafft, nicht zurück zu blicken, dann ist Kapitulation auch Befreiung. Die sieglose eines lange gekämpften Kampfes.

Kapitulieren hilft manchmal. Im Alltag. Hier findet Tocotronic die richtigen Worte, darin sind sie gut. Mit vordergründiger Poesie bewegen sie kindliche Seelen, die meinen, den Weltschmerz zu spüren. Aus voller Seele singen sie mit: Wenn Du denkst, "Fuck it all, wie soll es weitergehen?": Kapitulation ohohoh“. 

Solche Worte bewegen diejenigen, die im entleerten Singsang der luxuriösen Alltäglichkeit nach etwas suchen, dass Bedeutung schafft, ohne Verantwortung zu implizieren. Wer aber alltäglich um das Überleben kämpft, darf nicht kapitulieren. Nie. Und wenn der Kampf vorübergehend innen bleibt. Manchmal ist es gut, sich die Bedeutung von Worten wieder in Erinnerung zu rufen. Und manchmal ist es gut, zu kämpfen. Ohoh.

13.09.2011

2010

...teilte sich in der Mitte und ging vorüber wie der Schlag von Wimpern, in denen sich etwas verfing, abtropfte und hängen blieb. Hier eine Auswahl dessen:

Früh um 3 bei -10 Grad und 5 Litern Glühwein eine gigantische Schneefrau zu bauen

Beim Podcast und Video schneiden mit A. fast zu sterben (vor Lachen)

Drei Tage lang meinen 30,5. Geburtstag mit A. bis Z. auf einer fränkischen Hütte zu feiern

Beizuwohnen, wie ein Grillabend mit Bekannten und Nachbarn ganz von selbst zur „Noche Latina“ wird

Einen Stapel gebundener Briefe aus dem Leipziger Mariannenturm vor meiner Tür zu finden, die mir eine Welt öffnen, die uns verwandt und so fremd ist
 
Für kurze Zeit das Gefühl wieder zu gewinnen, dass Seele und Körper an einem Ort sind

Morgens in der dunklen Küche mit der kleinen S. die Bremer Stadtmusikanten zu malen

Zu lernen, die Fragen zu lieben

In meinem Bauwagen aufwachen und mich ganz geborgen fühlen und nur ein bisschen einsam.

Gedanken zum: Wohnzimmer

Foto: Museum Industriekultur Lauf
Vor einiger Zeit in Leipzig dachte ich, dass ich eine neue Erkenntnis über das Wohnen in Gemeinschaften gefunden hätte. Den Kern dieser Erkenntnis bildet das Wohnzimmer. Jede gute Wohngemeinschaft, so meinte ich, hat ein solches. Und das Indiz für das Funktionieren einer Gemeinschaft, so meine Schlussfolgerung, sei die gemütliche Bewohntheit eines Wohnzimmers.

Geisterstadt
Anlass zur wie ich meinte letztgültigen Bestätigung der Erkenntnis gab mein Besuch in einem Leipziger Hausprojekt. Vom Zentrum ausgehend, zerfranst die Stadt zu ihren Rändern hin zunehmend in Stadtteile, wo nur jedes zweite Haus bewohnt scheint, bis hin zu ganzen Geisterstraßenzügen, auf deren breiten Straßen das einzige Lebenszeichen die Büsche sind, welche sich durch die Ritzen der welligen Pflastersteine zwängen. Ich liebe diese Gegenden. Und das tun auch andere. Sie nehmen sich den Raum und fangen etwas Neues an. Zum Beispiel ein Hausprojekt. Wie die Büsche zwischen den Pflastersteinen sprießen sie in Leipzig aus dem Boden. Und alle haben sie bestimmt ein Wohnzimmer.

Die Küche
Der Wohnzimmer-Erkenntnis voraus gingen meine Erfahrungen in diversen WGs und zuletzt in einer Hofgemeinschaft auf dem Land. Immerhin hatten 6 der 8 WGs in denen ich wohnte, überhaupt ein Wohnzimmer. In der ersten war es der größte Raum der Wohnung, in dem man mittendrin stand, sobald man die Haustür öffnete. Die Nutzung als solches beschränkte sich auf eine Ecke, in der ein Sitzmöbel stand, welches Rückenschmerzen verursachte sowie der Fernseher. Kiffen, Kaffeetrinken und alles, was man als Erstsemester sonst so macht, fand in der Küche statt.

Der Esstisch
In der nächsten WG in Peru hatte das Wohnzimmer einen Esstisch und keinen Fernseher. Der Boden war PVC und es gab auch keine Bilder an der Wand. Die Küche hingegen, hatte keine Sitzgelegenheit, weshalb der Esstisch zum zentralen Treffpunkt und Arbeitsplatz wurde. Auch die Bilder für die Wohnzimmerwände malten wir dort selbst. Eines hieß „Avocado im Zimmer“. Ein Stilleben.

Die Wäschekammer
Zur Reihe der Wohnzimmer-WGs zählt auch eine in Berlin-Neukölln. Es war sehr klein und bot nur für einen Bruchteil der Mitbewohner und zahlreichen Gäste Platz. Anziehungspunkt war über lange Zeit ebenfalls allerhöchstens der Fernseher. Später stieg das Zimmer vom Wäschetrockenraum zur Abstellkammer ab, in der bereits Ausgezogene ihre nicht mehr benötigten Möbel lagerten. Zu diesem Zeitpunkt funktionierte der Putzplan längst nicht mehr und ich traf regelmäßig zu unterschiedlichsten Gelegenheiten Personen in der Küche an, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Das Gemeinschaftszimmer
Doch jetzt kommt der Beweis: In meiner besten WG aller Zeiten, war das Wohnzimmer auch als solches genutzt, man konnte sich gemütlich auf eine der vorhandenen Couches lümmeln, der Teppich wurde regelmäßig gesaugt und es lagen immer Chips und Zigaretten in greifbarer Nähe. Oder lag das nur daran, dass die Küche in der Wohnung zu klein war? Überhaupt nannten wir dieses Zimmer Gemeinschaftszimmer. Erste Zweifel an meiner Hypothese kommen auf.

Der Hof
Beim genaueren Betrachten, fand überhaupt das meiste WG-Leben in der Küche statt. Bleibt noch die Hofgemeinschaft auf dem Land. Das Wohnzimmer war einfach dunkel und ungemütlich. Und warum ein Wohnzimmer, wenn man eine Dachterasse, eine Wohnküche und eine Vielzahl an Hektar Hof, Weide, Wald, Wiesen und Feld um sich herum hat? Ist das Wohnzimmer heutzutage vielleicht einfach nur obsolet geworden?
Nun. Selbst das Hausprojekt in Leipzig hatte noch ein Wohnzimmer, welches die Bewohner auch als solches bezeichneten. Komisch eigentlich. Gerade in so alternativen Wohnformen, deren Bewohner in der Regel das "Bürgerliche" per se ablehen, gibt es ein auch so betiteltes Wohnzimmer. Und das, obwohl es in dem Fall das Zimmer ist, welches am wenigsten be"wohnt" wird. A propos: Sind die anderen Zimmer eigentlich keine, in denen man wohnt?

Wände müssen fallen
Gestern lese ich in der Zeitung, warum wir uns in Deutschland eigentlich immer noch hauptsächlich in Wohnzimmer-Küche-Bad Wohnungsstrukturen der Nachkriegszeit zwängen. War das Wohnzimmer damals nicht der repräsentative Raum, wo Gäste empfangen wurden, wo die frische Hausfrau ihrem von der Arbeit kommenden Ehemann die Füße hochlegte, das Bier aufmachte und ihm die geschniegelten Kinder zur Seite setzte? Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Gäste empfängt man nicht mehr wie früher. Man empfängt höchstens Freunde und Gäste trifft man eher beim Italiener um die Ecke.
In der Küche ist einfach mehr Leben, dort wird etwas getan, Essen bereitet, Schnittlauch geschnitten, Teig geknetet, abgespült. Da passieren noch die bodenständigsten und natürlichsten Dinge, die uns im heutigen zeitamputierten, twitterigen Cyber-Leben immer mehr abhanden kommen. Wohnküchen, Wohnbäder, Wohnklos? Oder es gibt dazwischen gar keine Wände mehr. Der Mensch fühlt sich vielleicht gerade deshalb intuitiv gerade nicht dort am wohlsten, wo einzig die Muße Raum findet, sondern wo etwas geschieht, sich etwas verändert und etwas natürlich handelnd lebendig ist. Demnächst, so habe ich beschlossen, werde ich mal ein Exempel statuieren und in der Küche übernachten.

2009


..gab es nicht viel Erfreuliches. Aber wie immer ist das Glück meist nur ein Moment. Oder mehrere:

Auf einem Berg in der Sonne im Schnee von absoluter STILLE umgeben zu sein und die Freunde recht nah zu wissen

Meinen Namen auf dem gleichen Briefkasten wie S. zu lesen

Mit Frau A. aus Ghana Google neu zu entdecken

W. aus dem Irak zum katholischen Pfarrer zu begleiten und dabei die Geschichte vom Dornbusch zu kapieren
 
Mir in einem marokkanischen Taxi zwei Stunden lang bei 48 Grad den Beifahrersitz mit J. zu teilen

Kiloweise Zwetschgenmuß zu kochen, vom leckersten Zwetschgenbaum der Welt

Das journalistische Handwerk zu erlernen

An meinem 30. Geburtstag mit fast allen meiner liebsten Freunde Schokoladenessen zu spielen

26.06.2011

Pipapos Wiedereröffnung